Erwartung

Erwartung – du Geißel der Menschheit! (ein offener Brief)

He, Erwartung, du gehst mir echt ganz schön auf den Sack. Wieso schaffst du es immer wieder, dass wir die Ansprüche an andere (und uns selbst) so hochschrauben und in unseren Vorstellungen die Welt so machen, wie wir sie gerne hätten? Und dabei ganz außer Acht lassen, dass sie eben so ist wie sie ist.

Und so flüsterst du uns tagein, tagaus ins Ohr, dass

  • der Ehepartner
  • der beste Freund
  • die Nachbarin
  • der Vereinskollege
  • die im Auto vor mir
  • der im Zug neben mir
  • die Verkäuferin
  • der Politiker
  • der Geschäftspartner
  • der Fußballer meines Lieblingsvereins

einfach nicht das tut, was wir von ihm oder ihr erwarten. So machst du uns allen das Leben unnötig schwer.

Du lachst dir wahrscheinlich ins Fäustchen, wenn für uns wieder mal etwas nicht nach Wunsch läuft. Wie jämmerlich wir reagieren, wenn unsere Erwartungen von unseren Mitmenschen nicht erfüllt werden. Dann ärgern wir uns, leiden, sind wütend, schimpfen, lästern, zürnen, sind beleidigt, schmollen und zornen, was das Zeug hält.

Obwohl wir insgeheim wissen (oder es längst wissen sollten): Die anderen werden eh nie genau das tun, was wir von ihnen erwarten (oder zumindest nicht in dem Moment, in dem wir es erwarten). Warum? Weil wir Menschen alle zum Glück grundverschieden sind. Deshalb kann sich rein logisch meine Erwartungshaltung gar nicht mit dem Verhalten meines Gegenübers vollständig decken.

Aber, liebe Erwartung, irgendwie stellst du das geschickt an: Sobald eine unserer Erwartungen enttäuscht wurde, fahren wir sofort die nächste Erwartung auf. Anstatt irgendwann einmal zu kapieren, dass wir keinerlei Anrecht darauf haben, dass sich das Leben nach unseren Erwartungen abspielt. Sondern einfach tut, was es will.

Die 2 Optionen im Umgang mit der Erwartung

Eigentlich haben wir ja 2 Möglichkeiten, wie wir mit dir umgehen können. Entweder machen wir genau so weiter wie bisher und werden ein ums andere Mal enttäuscht. Oder wir verabschieden uns von dir so gut es geht und profitieren lebenslang. Frei nach dem Motto:

Wenn ich nichts erwarte, kann ich im Leben immer nur positiv überrascht werden.

Jetzt höre ich schon wieder viele Leser aufstöhnen und vor sich hinmurmeln: “Ja, wenn das nur so einfach wäre.” Ist es natürlich nicht. Aber es gibt Lösungsansätze, wie in diesem Artikel auf myMONK.

Gell, Erwartung, das gefällt dir jetzt nicht. Aber keine Angst. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Unsere Konsequenz bei nötigen Veränderungen lässt gerne zu wünschen übrig.

Das habe ich am eigenen Leib erlebt. Ich war im Umgang mit dir schon deutlich weiter, weil ich gemerkt hatte, dass meine Erwartungen an andere mich nicht weiterbringen und ich den Erwartungen anderer eh nicht vollständig gerecht werden kann. Kaum war ich letztes Jahr von meiner langen Reise zurück, habe ich mich dabei beobachtet, wie ich im “normalen” Leben mehr und mehr in den Strudel der Erwartungshaltung zurückgerissen wurde.

Zum Glück habe ich es gemerkt. Meinen Ärger darüber bekommst du, stets nervende Erwartung, heute in diesem Brief zu spüren. Weißt du nämlich, was ich festgestellt habe? Du engst mich ein, verringerst meine Offenheit und versperrst mir interessante Wege.

Wenn ich dagegen wenig (im Idealfall nichts) erwarte, bin ich bereit für alle Wendungen und Überraschungen des Lebens. Und das wiederum heißt: Ich brauche die Sicherheitszone meiner Wünsch-dir-was-Welt nicht mehr. Wenn ich die loslasse, kann ich mit deutlich weniger Angst durchs Leben gehen.

Größte Baustelle: Die Erwartungen an mich selbst

Das mit dem Loslassen der Erwartungen in Bezug auf andere klappt inzwischen wieder recht gut (aber immer noch schlechter, als es eigentlich mein fester Wille ist). Aber was die Ansprüche an mich selbst angeht, sehe ich noch eine größere Baustelle. Da will ich dich, du Klammeraffe namens Erwartungshaltung, endlich mal abschütteln.

Aber wie soll das gehen, wenn ich schon von mir erwarte, dass ich weniger Erwartungen haben soll? Irgendwie beißt sich da die Katze in den Schwanz. Langjährig trainiertes Leistungsgesellschafts-Denken gepaart mit einem ordentlichen Schuss Perfektionismus lässt sich eben doch nicht von heute auf morgen abschütteln.

Immerhin schüttele ich mich schon viel häufiger und kräftiger als früher. Und warte auf den Tag, an dem dir, du klebrig-zähe Erwartung, die Kraft ausgeht und du aufgibst. Ich tue dir den Gefallen nämlich nicht.

Das Fazit

So wenig wie möglich zu erwarten, heißt für mich, mein Leben aktiv zu gestalten. Wenn mein Glück nicht vom Verhalten anderer Menschen abhängig ist, kann ich die Opferrolle ablegen und ein wirklich freies Leben führen. Ohne Erwartungen keine Enttäuschungen. Und deutlich mehr positive Energie für die wirklich wichtigen Dinge.

Nix für ungut, liebe Erwartung. Aber wir werden keine Freunde mehr.

P.S.: Nur zur Definition: Erwartung darf nicht mit Bedürfnis verwechselt werden. Erwartung ist für mich der unausgesprochene Anspruch in Bezug auf das Handeln der anderen. Seine Bedürfnisse gegenüber anderen klar zu äußern, ist dagegen etwas sehr Positives.

Und jetzt erwarte ich von dir einen schönen Kommentar! Nein, Spaß beiseite. Wenn du aber von deinen Erfahrungen in Bezug auf Erwartungshaltung berichten magst, bist du herzlich dazu eingeladen. Siehst du die vielen Erwartungen, die wir an andere haben, auch so kritisch wie ich? Oder meinst du, dass Erwartungen zum Leben dazugehören und es gar nichts bringt, sich damit näher zu beschäftigen? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Foto: Unsplash.com

8 Kommentare

  1. Veröffentlich von Maria am 18. Oktober 2015 um 11:07

    Hallo!

    Ein sehr wichtiges Thema! Wobei ich am meisten Probleme mit den Erwartungen mir selbst gegenüber habe.

    Ich könnte doch viel mehr…

    Tschüs Perfektionismus!

    lg
    Maria

    • Veröffentlich von Mischa am 19. Oktober 2015 um 9:02

      Hi Maria,

      ganz genau. Immer die Frage: Kann ich nicht noch mehr? Oder geht da nicht noch ein bisschen mehr? Andererseits kann das auch ein Antrieb sein, wenn man sich von den Erwartungen an sich selbst nicht zu sehr versklaven lässt.

      Liebe Grüße

      Mischa

  2. Veröffentlich von Chaoskämpferin am 18. Oktober 2015 um 18:48

    Lieber Mischa, da hast du mal wieder voll meinen Nerv getroffen.
    Ich merke nämlich gerade, dass ich mit der kleinen Schwester der Erwartung so meine Probleme habe, der Befürchtung.
    Jetzt wo mein Leben nach den Turbulenzen und Desastern der letzten Jahre allmählich wieder in etwas ruhigeren und auch schöneren Bahnen verläuft, kann ich es noch gar nicht so richtig genießen, weil ein Teil von mir auf die nächste Katastrophe wartet…
    Ganz üble Variante der Erwartung…
    Ertappte Grüße 😉
    von der Chaoskämpferin aka Astrid

    • Veröffentlich von Mischa am 19. Oktober 2015 um 9:05

      Hi Astrid,

      die kleine Schwester kenne ich auch 😉 Ich denke, das ist ein ganz normaler Prozess, dass man nach solchen Phasen noch eine Weile denkt: “Oh Mann, wie lang wird das gutgehen?” Aber je länger es gutgeht, desto seltener kommt die Schwester zu Besuch.

      Ganz liebe Grüße

      Mischa

  3. Veröffentlich von Ingolf am 18. Oktober 2015 um 19:58

    Ich hab schon die Augen verdreht, als ich die Überschrift und dann auch noch weitergelesen habe.
    Ich hasse solche platte Attitüden über loslassen, im hier und jetzt sein und den ganzen Scheiss.
    Blablabla, immer den ganzen Blödsinn wiedergekäut.
    ABER, gegen Ende wird der Artikel immer besser.
    Und als diesen Satz gelesen habe.
    “So wenig wie möglich zu erwarten, heißt für mich, mein Leben aktiv zu gestalten,” wusste ich genau, dem kam ich zustimmen.
    Das hat mir NACH der Depression und den Angstzuständen geholfen zu genesen.
    Währenddessen ging gar nix bei mir.
    Danke für diesen Artikel??.

    • Veröffentlich von Mischa am 19. Oktober 2015 um 9:07

      Hi Ingolf,

      danke für dein ehrliches Feedback. Und vor allem, dass du trotzdem bis zum Ende gelesen hast und noch was Positives für dich rausziehen konntest.

      Im Übrigen: Das Hier und Jetzt kommt in dem Artikel gar nicht vor 😉 Ich finde den Ansatz des achtsamen Lebens auch nicht so verkehrt, aber jeder muss selbst seinen Weg finden. Dass du deinen gefunden hast, freut mich sehr.

      Viele Grüße

      Mischa

  4. Veröffentlich von Anna am 24. März 2016 um 9:48

    Hi Mischa,
    ja, ja, ja! Das ist gerade ein Riesenthema bei mir, das auch ich gerade in meinem letzten Blogbeitrag und Podcast verarbeite. Also nicht die Erwartungen an sich, sondern das Erkennen und sich Lösen von ihnen. Denn das Wünschen eines perfekten Lebens bringt uns ab einem bestimmten Punkt nicht weiter, denn irgendwo wird immer unsere Erwartung enttäuscht. Wir sind in der Tat viel zufriedener, wenn wir sie aufgeben und uns, wie du auch so schön sagst, vom Leben überraschen lassen! Du Gedankenleser, du! 😉
    Ganz lieben Gruß
    Anna

    • Veröffentlich von Mischa am 25. März 2016 um 11:58

      Hi Anna,

      du weißt ja, dass ich eine Gedankenlese-Station in deinem Gehirn montiert habe und stets über die neuesten Entwicklungen informiert werde 😉

      Dann muss ich ja mal flugs auf deinen Blog und deine Erkenntnisse dazu anschauen.

      Ganz liebe Grüße
      Mischa

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