Das Leben und ich

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Wisst Ihr, was ich seit einem Jahr jeden Morgen mache? Ich stelle mich ganz gerade hin, bringe die Hände in Gebetsstellung und stimme mich einige Minuten mit positiven Worten auf den Tag ein.

Was ich mir da genau still vorsage, ist unterschiedlich. Eine Sequenz ist aber immer dabei. Wer schon Bücher von Louise Hay gelesen hat, wird sie kennen: „Ich liebe das Leben und das Leben liebt mich. Das Leben gibt mir immer das, was ich brauche.“ Jetzt werden manche von Euch sagen: „So ein Spinner!“. Und Ihr habt vollkommen Recht.

Danke für die Leberwurst?

Ich liebe es inzwischen, ungewöhnliche Dinge im Bereich der Selbstfindung auszuprobieren und herumzuspinnen. Aber nicht, weil irgendwo steht „Das musst Du tun, dann wird alles gut“, sondern weil es mich einfach interessiert, was man mit seinen Gedanken so alles anstellen kann.

Vieles hilft mir, vieles geht aber auch mir zu weit. Nein, liebe Louise Hay, ich werde nicht der Leberwurst im Kühlschrank dafür danken, dass sie da ist. Aber dafür, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Menschen auf der Welt jeden Tag genug zu essen und trinken habe, danke ich schon.

Bringt das was?

Aber zurück zu „Das Leben gibt mir immer das, was ich brauche.“ Das ist mein absolutes Lieblingsthema, weil ich oft Schmunzeln oder Gelächter ernte, wenn ich das erzähle. Wenn Ihr auch dazu gehört und jetzt murmelt: „Das bringt doch nix“, erhebe ich heftigen Einspruch und sage „Doch!“

Ich habe es am eigenen Leib erfahren, merke es immer wieder. Vorausgesetzt, man lässt sich wirklich darauf ein, ist überzeugt davon. Wenn Ihr es jetzt ausprobieren solltet, an drei Tagen hintereinander das uninspiriert vor Euch hinmurmelt und dann fragt: „Ja und was jetzt?“, ja dann wird sich da wohl nichts rühren.

Es gibt keine Zufälle

Wenn Ihr das aber mit voller Bewusstheit und regelmäßig macht, dann tut sich etwas. „So ein Zufall“, sagen wir manchmal, wenn uns gerade im richtigen Moment das Richtige passiert, uns der richtige Mensch über den Weg läuft, wir das richtige Buch finden, das uns inspiriert.

Ich behaupte (und da bin ich nicht der Einzige): Es gibt keine Zufälle im Leben. Die Dinge passieren so, wie wir sie mit unseren Gedanken, unserer Energie anziehen, wie wir uns für etwas öffnen – oder auch nicht. Das wird kein Wissenschaftler erklären können, weil es nicht zu den messbaren Sachen gehört.

Und deswegen ist es so schwer für uns ach so rationelle westlich-industrielle Wesen, uns darauf einzulassen. Wir glauben ja lieber den abertausenden wissenschaftlichen Experten, die – zumeist von der Industrie bezahlt – uns sagen, was gut für unser Leben ist. Dabei kann jeder von uns herausfinden, was gut ist. Aber das ist anstrengend, und ein wissenschaftliches Siegel gibt es auch nicht darauf. Doch möglicherweise ein glückliches Leben.

Die lustige Florence

Ich könnte jetzt seitenlang Beispiele erzählen, die ich alle diesem Thema zuordnen kann. Um aber nicht zu langweilen, beschränke ich mich auf ein paar Erlebnisse der vergangenen Tage. Da war diese ganz liebe Frau im Post Office von Port Ellen, ihr Name ist Florence.

Nicht nur, dass sie lustige Kommentare über jede einzelne meiner Postkarten abgegeben hat. Nein, sie hat mir auch ans Herz gelegt, das Eröffnungskonzert des Islay Festivals (von dem ich vor meiner Ankunft auch nicht gewusst habe) in Bowmore zu besuchen. Sie mache den Vorverkauf, ein ganz toller Sänger trete auf, da müsse ich hin. Also hab ich die 15 Pfund bezahlt und ließ mich überraschen.

Über Gott und die Welt geplaudert

Das Interessante war, dass ich nach fast zwei Wochen on Tour und unzähligen Small Talks mir an dem Wochenende gedacht habe, dass ich gerne mal wieder so ein richtiges Gespräch mit jemandem hätte. So mit ein wenig Tiefgang und auch mal länger als 5 bis 10 Minuten.

Ja, und dann kam Wanda, eine ca. 50-jährige Hebamme aus Edinburgh, gebürtig in Indien, derzeit für ein Jahr in der Klinik auf Islay. Kurz vor Konzertbeginn war neben mir in der vierten Reihe noch genau ein Platz frei. Kaum saß sie, schon ging das muntere Geplauder los. Wir haben uns die nächsten drei Stunden prächtig verstanden, viel gelacht und über Gott (tatsächlich) und die Welt geredet.

Das Konzert war übrigens auch wunderschön. Um 23 Uhr bin ich in der letzten Abenddämmerung zum Campingplatz zurück und habe mir gedacht: „Ja, genau das hast du wieder einmal gebraucht.“ Nein, kein Zufall.

Vom Gegenwind zum Gegensturm

Und dann erzählte mir Wanda noch, dass ich unbedingt einen Abstecher auf die Isle of Jura machen müsste. Da gebe es für einen Whiskeyfreund wie mich schließlich auch eine Brennerei, die Landschaft sei malerisch und ein Traum für Fahrradtouren.

Da ich inzwischen weiß, dass solche Tipps von „Homies“ viel wertvoller sind als jeder Reiseführer, hab ich das natürlich gemacht. Mountainbike gepackt, mit der Fähre fünf Minuten übergesetzt, und dann los auf der einzigen Straße, die es gibt. 8 Meilen sagte der Wegweiser. 8 Meilen bis zur Brennerei. 13 Kilometer, lächerlich. Aber nicht, wenn von den 13 gefühlt 10 steil bergauf gehen bei heftigem Gegenwind  – oder heißt das Gegensturm?

Und bist du einen Hügel oben, geht es sofort wieder runter. Also immer zwischen 5 und 50 km/h, meistens aber 5. Und die Moral von der Geschicht: Ich hatte so die Schnauze voll und war in kürzester Zeit so kaputt, dass ich umdrehen wollte. Und dann habe ich mich wieder erinnert: „Das Leben gibt mir immer das, was ich brauche.“

Schluss mit der schnellen Flucht

Und in dem Fall war es wohl einfach einmal wieder eine Herausforderung, eine kleine Prüfung: Ob ich mich wie früher als alter Angsthase in die Fluchtecke treiben lasse, oder ob ich es durchstehe. Und ich habe früher verdammt oft die Flucht ergriffen, jede Möglichkeit dazu genutzt. Das Ende vom Lied: Ich hab mich mental aufgerafft, hab die Zähne zusammengebissen und hab mein Ding durchgezogen.

Es war dann noch eine wunderschöne Tour mit Finish (siehe Foto). Ja, und wieder mal war ich stolz auf mich. Kleine Anekdote am Rande: Das Probierglas der Brennerei, das ich unbedingt haben wollte, habe ich gekauft und noch am selben Tag unterwegs verloren. Das gute Gefühl aber bleibt.

Das Leben und ich – jeden Tag aufs Neue eine spannende Geschichte …

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